Musiktherapie
und
Neue Medien
Wie Computer und Internet das therapeutische Arbeitsfeld verändern
Dieter Brechtel-Folkers
Oktober 2000
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Der Mensch wirkt nur in dritter Linie durch das, was er sagt, in zweiter Linie durch das, was er tut, und in erster Linie durch sein Sein.
frei nach Romano Guardini
Einleitung
Internet
Geschichte des Internet
Informationsplattformen Das World Wide Web / Datenbanken
Austauschplattformen E-Mail / Newsgroups / Mailinglists / Chat / Online-Therapie
Kritische Auseinandersetzung mit dem Internet Das Medium / Hyperlinks - Segen und Fluch des Internet / Internetsucht und Identitätsveränderungen im Netz
Computeranwendungen
Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI)
Computerpsychotherapeuten ELIZA und Nachfolger / Mögliche Anwendungen auf den musiktherapeutischen Bereich
Kritik und Diskussion Der Taschenrechner-Effekt: Wie neue Techniken unser Denken beinflussen / Die Beschaffenheit von Computerprogrammen und die Macht der Nullen und Einsen / Computerprogramme versus therapeutische Beziehung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis

Einleitung
Medien übertragen nicht einfach Botschaften, sondern entfalten eine Wirkkraft, welche die Modalitäten unseres Denkens, Wahrnehmens, Erfahrens, Erinnerns und Kommunizierens prägt.

(Krämer S.14)

"Wem gehört die Zukunft?" titelt die WELT vom 20.3.1999 über einem Artikel von Stephen Hawking, der sich mit der Zukunft der Computer- und Gentechnologie befasst. Ein Jahr bevor die nahezu 97prozentige Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes Furore machte und als weltweiter Meilenstein der Naturwissenschaften gefeiert wurde, sinnierte Hawking über die Verbindung von organischem Leben und maschineller Intelligenz und die Wirklichkeit scheint derartige Zukunftsvisionen ein weiteres Mal schneller einzuholen als es vorstellbar erschien. "Die Auswirkungen von Gen- und Computertechnik lassen alle Science-fiction-Phantasien hinter sich" (Hawking) und nicht nur auf wissenschaftlicher sondern auch auf gesellschaftlicher bis hinein auf die persönlich menschliche Ebene sind die Umwälzungen zu spüren. Sie tangieren unsere Sprache, unsere sich revolutionierenden Kommunikationsmöglichkeiten, schließlich auch unsere Arbeitsweisen und - und das scheint mir das Bemerkenswerteste von allem - unser Denken. Wenn schon nicht erstere, so sollte wenigstens letzteres auch zu denken geben. Fragen wie 'Wollen wir das?' oder 'Was gewinnen und was verlieren wir durch die Neuen Medien?' mögen verblassen angesichts der Tatsache, dass der Einzelne die Weiterentwicklung des sogenannten Kommunikationszeitalters schwerlich wird aufhalten oder beeinflussen können. Doch würden sich die Macher, die Programmierer und Systementwickler, die Bildungspolitiker, denen die Entwicklung nicht schnell genug geht und die laut nach Computerschulung für die Kleinsten, die Schüler in den Grundschulen, Vorschulen und sicher auch bald in den Kindergärten und im Kleinkindalter (Programme sind bereits vorhanden, vgl. Haltmeier S.194) rufen, diese Fragen stellen und innehalten in der panischen Sorge, den Anschluss an die internationale Informationstechnologie (IT) und die marktführenden Plätze zu verlieren (s. Green-Card Diskussion), so ließe sich die ein oder andere Teilentwicklung sicher besonnener vollziehen. Ebenso wie die Debatte über die Nutzung der Gentechnologie Fragen zu Moral, Ethik, Religion und Irritationen über die Definition des menschlichen Lebens aufwirft, kann auf Seiten der Computertechnologie, Software-Entwicklung und, wie wir sehen werden, besonders in dem Kapitel Künstliche Intelligenz (KI) nach Sinn, Auswirkungen, Gefahren und dem besser zu Unterlassendem gefragt werden.

Ich möchte dies in der vorliegenden Arbeit tun. Viele meiner eigenen Gedanken fand ich wieder in den Veröffentlichungen eines der Urväter der Forschungen auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Erschrocken, ja geradezu schockiert über die Konsequenzen, die er mit seinem Computerprogramm ELIZA auf dem Gebiet der Computerpsychotherapeuten unbeabsichtigt losgetreten hatte, wurde Joseph Weizenbaum zu einem der schärfsten Kritiker seiner eigenen Domäne. In seinem von mir reichlich zitierten Buch 'Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft' greift er Kenneth Colby, den ich als 'Vater der Computerpsychotherapeuten-Programme' bezeichnen möchte, da er die Nachfolgeprogramme von ELIZA entwickelte und dies bis heute tut, immer wieder für seine utilitaristische Sichtweise an. Mit dem Begriff Computerpsychotherapeut werden nicht etwa menschliche Therapeuten bezeichnet, sondern Computerprogramme, die für den Einsatz anstelle des Menschen geschrieben wurden. Ich werde darauf noch ausführlicher eingehen und zeigen, dass diese Begriffsverwirrung sich fortsetzt.

Es ist zu vermuten, um auf Hawkings Ausgangsfrage zurückzukommen, dass das Machbare umgesetzt werden wird, dass die Zukunft den Neuen Medien gehören und somit der Schritt nicht nur ins Kommunikationszeitalter weitergeführt, sondern gleichzeitig auch auf den Boden des Simulationszeitalters gesetzt wird. Programme, Internet, Cyberspace, künstliche Welten, die immer nur einen Ausschnitt des wahren Lebendigen simulieren können, in denen aber wie in echten Realitäten agiert und interagiert werden wird - freilich nicht ohne Auswirkungen auf die Art der Interaktionen und eben des Denkens - besetzen einen wachsenden Anteil unserer Arbeits-, Frei- und somit Lebenszeit und werden dies auch weiterhin tun.

"Die Bedeutung, die der Computer heute im Alltagsleben hat, unterscheidet sich grundlegend von dem, was man Ende der siebziger Jahre erwartete. Man kann diese Veränderung als Übergang von einer modernen Kultur der Berechnung zu einer postmodernen Kultur der Simulation beschreiben. Die Kultur der Simulation durchdringt viele Bereiche. Sie wirkt sich auf unser Bewußtseins- und Körperverständnis aus." (Turkle S.28)

Wenn in dieser Arbeit von Neuen Medien die Rede ist, so sind damit die aktuellen Kommunikationsplattformen und Möglichkeiten gemeint, die sich aus der Entwicklung, Einführung und Verbreitung des Computers ergeben haben. Den zur Zeit aktuellsten und einflussreichsten Vertreter dieser Technik stellt das Internet mit seinen zahlreichen Diensten dar, die im ersten Teil der Arbeit einzeln vorgestellt werden. Weiterhin gehören interaktive Computerprogramme dazu, die auch auf dem Gesundheitsmarkt mit der Begründung von Kostenersparnissen an Bedeutung gewinnen.

"Das Internet revolutioniert das Gesundheitswesen. Der konsequente Einsatz könnte die Ausgaben der Krankenversicherer um 30 Milliarden Mark jährlich senken", so die Zeitschrift Net-Business auf ihrer Titelseite vom 2. Oktober 2000. Auch für die im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit vorgestellten Computerprogramme gilt, dass ihre Verwendung nicht auf den Einsatz am heimischen Personalcomputer oder in der therapeutischen Praxis eingeschränkt ist, sondern in gleichem Umfang über das Internet betrieben werden kann. In Anlehnung an Neil Postman und Marshall McLuhan gehe ich davon aus, dass "die Form, in der Gedanken zum Ausdruck gebracht werden, einen Einfluß darauf hat, welche Gedanken überhaupt geäußert werden" (Postman 1998, S.45). Postman sagt dazu: "Diese Argumentation konzentriert sich auf die Formen des kommunikativen Austauschs, des 'Gesprächs' zwischen den Menschen; sie geht davon aus, daß die Formen, an die wir uns bei diesem Austausch halten müssen, den denkbar stärksten Einfluß darauf haben, welche Gedanken wir bequem zum Ausdruck bringen können. Und jene Gedanken, die sich bequem ausdrücken lassen, werden unweigerlich zum wesentlichen Inhalt einer Kultur" (Postman 1998, S.15). Und: "[...] the uses made of any technology are largely determined by the structure of the technology itself - that is, that its functions follow from its form" (Postman 1993, S.7).

Formen dieser Art sehe ich in den Internetdiensten und den - wie ich zeigen will - einschränkenden Grenzen der Computertechnik. Um diese Gedankengänge vorzustellen, helfen Rückblicke auf die Geschichte verschiedener Medien, die ehemals als Neue Medien bezeichnet wurden, so z.B. die Telegrafie als elektronischer Vorläufer von Telefon bis hin zu E-Mails und Chats.

Was hat das alles mit Musiktherapie zu tun?

Neben den Überlegungen, welchen Einfluss die Neuen Medien ganz allgemein und besonders in der Frage nach den Forschungsmöglichkeiten, veränderten Kommunikationskanälen unter Musiktherapeuten und angrenzenden Disziplinen, sowie nach Suchtpotentialen von Computerspielen und Internet auf Therapeut und Klient haben, stellt sich die Verbindung auf Seiten der Behandlungsmöglichkeiten her. Schon heute gibt es Software, die in einem speziellen, eingeschränkten Sinn komponieren kann. Es gibt Hardware, die diese Musik erklingen lässt. Es gibt seit Jahrzehnten die besagten Computerpsychotherapeuten-Programme und eine neue Generation aus dem asiatischen Raum steht uns ins Haus (Decker-Voigt, persönliche Mitteilung), von der wir erwarten dürfen, dass sie bunter und aufwendiger als die trockenen, allein auf Sprache ausgelegten Programme der Pionierzeit, jedoch mitnichten tauglicher in der Behandlung unserer Klienten sein wird. Eine Verbindung der musizierenden Maschine mit dem sprachlich interagierenden Psychotherapeutenprogramm zu einem zumindest vordergründig mitspielenden, die Musik des Klienten aufgreifenden Computer-Improvisierenden mag nach allzu utopischer Zukunftsmusik klingen. Ich halte das jedoch für eine eher minimale technologische Herausforderung.

Doch bevor ich ethische Überlegungen zur Diskussion stellen und somit zugleich meinen Beitrag dazu vorstellen möchte, will ich die aktuellen Möglichkeiten des Internets und der Softwareentwicklungen für den Bereich der Musiktherapie darlegen. Zuweilen legt die Behandlung eines Teilthemas die direkt anschließende Kritik nahe statt sie räumlich und zeitlich auf ein späteres Kapitel zu verschieben. Die wichtigsten Kritikpunkte möchte ich jedoch am Ende der Hauptkapitel eigens vorlegen. Ein Wort noch zur Rechtschreibung und der Art des Zitierens: In meinen eigenen Texten verwende ich die aktuell gültige neue deutsche Rechtschreibung. Bei Zitaten belasse ich es bei der alten Rechtschreibung, sofern die Texte so veröffentlicht sind. Englische Zitate belasse ich ebenfalls nach dem Original sofern keine veröffentlichte Übersetzung vorliegt oder zugänglich war.


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