Musiktherapie
und
Neue Medien
Wie Computer und Internet das therapeutische Arbeitsfeld verändern
Dieter Brechtel-Folkers
Oktober 2000
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Der Mensch wirkt nur in dritter Linie durch das, was er sagt, in zweiter Linie durch das, was er tut, und in erster Linie durch sein Sein.
frei nach Romano Guardini
Einleitung
Internet
Geschichte des Internet
Informationsplattformen Das World Wide Web / Datenbanken
Austauschplattformen E-Mail / Newsgroups / Mailinglists / Chat / Online-Therapie
Kritische Auseinandersetzung mit dem Internet Das Medium / Hyperlinks - Segen und Fluch des Internet / Internetsucht und Identitätsveränderungen im Netz
Computeranwendungen
Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI)
Computerpsychotherapeuten ELIZA und Nachfolger / Mögliche Anwendungen auf den musiktherapeutischen Bereich
Kritik und Diskussion Der Taschenrechner-Effekt: Wie neue Techniken unser Denken beinflussen / Die Beschaffenheit von Computerprogrammen und die Macht der Nullen und Einsen / Computerprogramme versus therapeutische Beziehung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis

Computeranwendungen

Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI)

Momentan haben Computer noch einen Vorteil
in der Geschwindigkeit, sie zeigen allerdings
keine Anzeichen von Intelligenz. Das ist nicht
weiter überraschend, denn unsere Computer
von heute sind weniger komplex als das Hirn eines
Regenwurms, eine Spezies, die bisher nicht wegen
ihrer Geisteskraft gerühmt wird.

(Hawking)


 

Ursprünglich beginnt die Geschichte der Künstlichen Intelligenz in der Zeit des zweiten Weltkrieges mit der Beschäftigung mit verschlüsselten Botschaften. Beim Knacken des ENIGMA-Codes wurden automatische Rechner eingesetzt, die als direkte Vorläufer des heutigen Computers angesehen werden können. Die Geschichte des Computers selbst kann sogar noch viel weiter zurück verfolgt werden. Die Künstliche Intelligenz ist eine Disziplin, die mit dem Aufkommen dieser Rechner, damals in Anlehnung an den Erfinder Alan Turing Turing-Maschinen genannt, entstand. Bald wurden Programmiersprachen erfunden, die es erleichterten, den Maschinen Befehle einzugeben und sie somit zu den gewünschten Arbeitsschritten zu veranlassen. Damit war eine Trennung zwischen Hard- und Software gefunden, die es im Weiteren ermöglichte, universale Turingmaschinen zu bauen, die nicht speziell für ein eigentlich zu bearbeitendes Problem immer wieder neu entworfen werden mussten, sondern die Problemlösung ganz auf die Software-Seite verlagerten. 1956 bekam die Bewegung ihren heutigen Namen. Die Forscher beschäftigten sich damals mit allgemeinen Problemlösungsverfahren, Umsetzung natürlicher Sprachen und mathematischen Beweisführungen, die mit Hilfe des Computers schneller zu bewältigen waren. Von Anfang an war die Rede von Maschinen-Intelligenz, wohl aufgrund der Aussichten, dass Computer dem Menschen in bestimmten Teilbereichen bald überlegen sein würden. Wenn sich auch die Ziele der Pioniere oft als zu hochgesteckt erwiesen, so gab es doch erstaunliche Erfolge zu verzeichnen. Ebenfalls von Anfang an beschäftigte sich die KI mit Strategie-Spielen, vor allem Schach. Man sah die Fähigkeit, auf hohem Niveau Schach spielen zu können, als Synonym für Intelligenz an, womit die Bewegung früh einen technischen Intelligenzbegriff etablierte, der auf nichttechnische Bereiche wie die Biologie zurückstrahlte und die Vorstellung vom menschlichen Gehirn beeinflusste. "Die von Crick und Watson verkündeten Forschungsergebnisse fielen auf einen Boden, der bereits durch das vage Verständnis vorbereitet war, das die Öffentlichkeit von Computern, von Computerschaltungen und von der Informationstheorie hatte (wobei die Betonung auf dem Vorgang des Kodierens und Entschlüsselns lag), und natürlich auch von deren etwas besserem Verständnis der Mendelschen Erblehre, der Vererbung von Charaktereigenschaften usw. So war es für die Öffentlichkeit auch hier nicht schwer, im 'Knacken' des genetischen Kodes die Enträtselung eines Computerprogramms zu sehen und die Entdeckung der Doppel-Helix-Struktur des DNS-Moleküls als die Erläuterung des einem Computer zugrunde liegenden Verdrahtungsplanes aufzufassen. Die Verbindung eines solchen Begriffsrahmens mit einem Rahmen, der den Menschen als physikalisches Objekt auffaßt, drängt einem fast diesen Schluß auf, daß der Mensch nach Maßgabe bestimmter Eigenschaften entworfen und konstruiert werden kann" (Weizenbaum S.209). Inzwischen hat diese Metapher Einzug in unsere Alltagssprache gehalten.

Bis 1968 hatten die Vertreter der KI am Massachusetts Institute of Technology auf natürlicher Sprache basierende Problemlösungsprogramme, Steuerungsprogramme für Roboter und nicht zuletzt Schachprogramme entworfen, die sie mit menschlichen Bewältigungsversuchen verglichen. "Die neuen Maschinen waren schließlich in manchen Punkten dem menschlichen Denkapparat [man beachte diese Formulierung, Anm. DBF] weit überlegen: Sie lösten innerhalb von Minuten Probleme, die einen Mathematiker monatelang beschäftigt hätten" (Kurzweil S.199).

Daniel Bobrows Programm 'Student' konnte Textaufgaben lösen, die ihm in natürlicher Sprache gestellt wurden. "Student konnte angeblich bei der Lösung von Textaufgaben mit jedem durchschnittlichen Abiturienten konkurrieren" (Kurzweil S.205).Dass die Leistungen sich lediglich auf kleine und dazu noch eindeutig mathematisch orientierte Bereiche begrenzten, hielt die KI-Bewegung nicht davon ab, Visionen und Prophezeiungen vorzulegen, die den gesamten menschlichen Lebensbereich betreffen sollten. Damals wie heute gehört diese Grenzüberschreitung zu den Blinden Flecken der KI. Sie machte sich daran, "Maschinen zu bauen, die sich intelligent verhalten, gleichgültig, ob deren Ergebnisse zur Erkenntnis der menschlichen Intelligenz etwas beitragen oder nicht. [...] Sie möchten Maschinen bauen, die wie Menschen sprechen, und die die menschliche Rede verstehen, die mit Hilfe von Fernsehaugen und mechanischen Armen und Händen Muttern auf Bolzen schrauben und sogar noch kompliziertere mechanische Teile zusammenmontieren können, die chemische Verbindungen analysieren und aufbauen, natürliche Sprachen in andere natürliche Sprachen übersetzen, Musik komponieren und komplizierte Computerprogramme zusammenstellen können usw" (Weizenbaum S.211).

KI-Programme wurden schließlich auch in der Medizin zur Diagnostik eingesetzt. Die alte Idee vom Haushaltsroboter ist nie verschwunden und wird gerade wieder neu aufgelegt. Sie förderte die Entwicklung von Bild- und Schrifterkennungsprogrammen (vgl. Kurzweil S.223f). Man brachte Robotern bei Heimorgel zu spielen und Computern zu komponieren, und schließlich versah man sie durch die Entwicklung von Sprachausgabesystemen mit gesprochener Sprache (vgl. Kurzweil S.351f). Mikrophone wurden zu Ohren, Kameras zu den Augen und Lautsprecher zum Mund der Maschine. So wurde nach und nach eine Vermenschlichung versucht, die gleichzeitig aber auch ein technischeres Bild vom Menschen mit sich brachte, was viele KI-Forscher nicht sehen (wollen). "Da eine Sicht des Menschen als einer Art der allgemeineren Gattung 'informationsverarbeitendes System' unsere Aufmerksamkeit auf einen Aspekt des Menschen konzentriert, verleitet sie uns dazu, alle anderen Aspekte in die Dunkelheit hinter dem zu werfen, was von unserer Sicht erhellt wird. Die Frage ist berechtigt, was wir uns für diesen Preis einhandeln" (Weizenbaum S.214).

Alle bis dahin erbrachten Entwicklungen basieren noch auf dem technischen Rahmen, der durch die Hardware eines Computer als universeller Turingmaschine vorgegeben ist. In Zukunft wird man aus diesem Rahmen heraustreten und den Versuch machen, Computer mit biologischen Komponenten und mit natürlichen Nervenbahnen zu bauen wie es Hawking im bereits erwähnten Artikel andeutet.
 
 

Computerpsychotherapeuten
 
 

ELIZA und Nachfolger

Für dieses Sprach-Analyse-Programm wählte ich den Namen ELIZA, da man ihm gleich der Eliza aus der Pygmalionsage beibringen konnte, immer besser zu "sprechen".

(Weizenbaum S.15)

Noch vor zehn Jahren erschien den meisten Menschen zum Beispiel der Gedanke, sich mit einem Computer über emotionale Dinge zu unterhalten - die Idee eines Computerpsychotherapeuten -, befremdlich oder gar obszön. Heute sind mehrere derartige Programme auf dem Markt, und sie rufen eine ganz andere, recht pragmatische Reaktion hervor. Man sagt sich: 'Warum soll ich's nicht mal ausprobieren? Vielleicht hilft's. Was kann es schaden?'

(Turkle S.34)

Das heute wieder vermehrt unter seinem ursprünglichen Namen bekannte Programm ELIZA wurde kurz nach seiner Veröffentlichung durch Joseph Weizenbaum unter dem Namen DOCTOR in den Vereinigten Staaten bekannt, verbreitet und weiterentwickelt. Nicht etwa von Weizenbaum selbst, der ja keinerlei Absichten hatte, es im psychotherapeutischen Arbeitsfeld einzusetzen. Aufgrund seiner Simplifizität ließ sich ELIZA problemlos kopieren und nachschreiben.

Weizenbaum hatte ELIZA entworfen, um zu zeigen, in wieweit Computerprogramme zum damaligen Zeitpunkt in den späten 60er Jahren befähigt werden konnten, natürliche Sprachen zu verstehen, wohlwissend, dass damit nicht ein wahres Verständnis gemeint war, sondern die Simulation und Illusion eines natürlichen Gespräches zwischen Mensch und Computer. Dass Weizenbaum sich dabei ausgerechnet an die Regeln der Gesprächstherapie anlehnte, damit das Programm einen Gesprächstherapeuten parodierte (Weizenbaum erhob nie den Anspruch, das Programm würde an die wahren Leistungen eines menschlichen Therapeuten heranreichen) mag von ihm selbst im Nachhinein als tragisch angesehen worden sein. Tatsächlich hatte er jedoch damit den Weg des Computereinsatzes in der Psychotherapie geebnet.

Die Vertreter der Künstlichen Intelligenz befinden sich in dem Bann, Programme zu schreiben, die den sogenannten Turing-Test bestehen können. Das nach dem Mathematiker und Computerentwickler Alan Turing benannte Verfahren, besagt, dass ein Maschinenprogramm dann die Anforderungen des Tests erfüllt, wenn es einen menschlichen Anwender darüber täuschen kann, dass er sich mit einer Maschine unterhält. Ähnlich dem Experiment von Paul Watzlawick mit den beiden Psychotherapeuten, die sich gegenseitig als Patienten betrachteten und behandelten, weil sie die entsprechende falsche Vorinformation erhielten (vgl Watzlawick S.92), begibt sich der Mensch im Falle des Turing-Tests an einen Bildschirm und ein Eingabegerät (Tastatur). Er weiß, dass der Test dazu dient, menschliche sprachliche Äußerungen durch einen Computer simulieren zu lassen, so dass keine Unterscheidung möglich ist. Er weiß aber auch, dass die Antworten an seinem Bildschirm von einem Menschen stammen könnten und soll sich nach geraumer Zeit der Unterhaltung für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden. Tippt er auf den Menschen und es war das Programm, mit dem er kommunizierte, so ist der Test bestanden, in allen anderen Fällen nicht. Die KI-Vertreter wie deren Kritiker entwickelten spitzfindige Fragen, die vor allem durch grammatikalische Uneindeutigkeiten das Programm zu Fehlern verleiten sollten.

"Alan Turing sagte 1950 voraus, daß ein Computer im Jahr 2000 in einem thematisch nicht eingeschränkten fünfminütigen Gespräch siebzig Prozent der Fragesteller von seiner menschlichen Identität überzeugen würde" (Turkle S.147), genauer gesagt, über die Tatsache, dass es sich um eine Maschine handelt, hinwegtäuschen könne. Für Turing selbst war mit seinem Test zugleich die Entscheidung darüber verbunden, ob das Programm auch intelligent war. Eine Gleichsetzung der Fähigkeit zur sprachlichen Simulation mit Intelligenz. Bis heute hat kein Programm wiederholt diesen Test bestanden.

Eine genauere Untersuchung des Quell-Codes von ELIZA, d.h. des Programmiertextes (s. Anhang) zeigt, wie das Programm aufgebaut ist. Zunächst ist festzuhalten, dass es kurz und simpel ist und aus zwei Teilen besteht. Den zeitlich aufeinander folgenden Anweisungen Begrüßung, Aufforderung zur Texteingabe durch den Anwender, Verarbeitung/Umformulierung des eingegebenen Textes zu einer neuen Frage und deren Ausgabe am Bildschirm - kurz gesagt, dem Programmablauf - und einem Katalog von Begriffen und Satzfragmenten, auf die das Programm zurückgreifen kann. Dieser Katalog steht zu Beginn des Textes und wird in der Terminologie der Programmierer als Datenbereich bezeichnet. In einem sehr vereinfachten Sinn, und es ist eine Simplifizierung, die sehr häufig angewendet wird, kann man von diesem Datenbereich als dem 'Wissen' des Computers, bzw. des Programms sprechen: Daten, Zahlen, Fakten, die gespeichert werden und auf die zurückgegriffen werden kann. Der Programmablauf wäre dann analog vereinfacht das Handeln oder Interagieren des Computers.

ELIZA gibt es im Internet unter mehreren Adressen zu finden. Einmal als Online-Version, wo man noch während der Internetsitzung auf einer Webpage das Programm benutzen kann, zum anderen als herunterladbare Datei, die sich dann auf dem heimischen PC starten lässt. Die Version, die ich für diese Arbeit benutze stammt aus dem Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Das Programm kann von folgender Adresse heruntergeladen werden: www.sozialwiss.uni-hamburg.de/phil/ag/eliza.html. Es ist wie alle klassischen ELIZA-Versionen für die Anwendung in Englisch ausgelegt.

Was passiert nun aber mit einem Satz, den man in das Programm eingibt? Zunächst wird man von dem Programm begrüßt. Wohlerzogen dürfen wir ELIZA zurück grüßen. Es ist darauf programmiert, auf ein einfaches hello oder hi passend zu reagieren. Interessanterweise tut es das bei good morning nicht. Warum nicht? Weil ihm die Anweisung fehlt, auf good morning die Worte hi oder hello auszugeben. ELIZA tut nämlich nichts anderes, als den eingegebenen Satz (programmiertechnisch als Zeichenfolge bezeichnet) umzuwandeln. Dabei werden einzelne Worte mit dem Datenbereichs-Katalog abgeglichen und eine Standardphrase ausgegeben. Sieht das Programm mehrere mögliche Antworten vor, darf auch mal per Zufallsgenerator entschieden werden, welche Antwort am Bildschirm erscheinen soll. Dabei ist auch möglich, dass Satzteile oder einzelne Wörter in ELIZAs Fragen puzzleartig eingebaut werden. Die Standardphrase aus dem Datenbereich heißt z.B. Do you believe it's normal to be und wird einfach mit einer Äußerung des Anwenders ergänzt, z.B. afraid of the future. Der Daten-Katalog ist so geschickt gewählt, dass bei diesem Verfahren zumeist sprachlich korrekte Sätze entstehen. Außerdem sind in ihm Reizwörter angelegt, auf die das Programm mit Fragen zur Familiensituation reagiert, womit der psychotherapeutische Eindruck verstärkt werden soll. Es sind dies: mother, father, brother, sister u.a.

Auf einer rein formalen Ebene werden also Sätze, ja eigentlich nur Zeichen am Bildschirm geformt, die lediglich den Eindruck natürlicher Sprache erwecken. ELIZA versteht nichts!

Aufgrund dieser formalen Anordnung kann man ELIZA zu unsinnigen Äußerungen veranlassen, indem man bewusst unsinnige Texte oder Texte in einer anderen Sprache eingibt. Obwohl die Programmierer auch für solche Fälle Standardantworten wie I'M NOT SURE I KNOW WHAT YOU'RE TALKING ABOUT vorgesehen haben. Im Folgenden dokumentiere ich vier unterschiedliche 'Sitzungen' mit ELIZA, die den formalen, simplen Charakter der programmierten Sätze zeigen sollen. Gleichzeitig können sie aber auch zeigen, wie wenig gerade im ersten Beispiel nötig ist, um eine scheinbare Dialogsituation herzustellen (s.a. Kapitel ELIZA-Effekt). Das eigentliche Ziel, das ELIZA einprogrammiert ist, ist es, das Gespräch aktiv zu halten, den Anwender zu weiteren Äußerungen zu veranlassen. Wenn man versucht, ihm eine klare Antwort auf eine eigene Frage zu entlocken, wird man enttäuscht. Es ist darauf programmiert, Fragen zu stellen, nicht sie zu beantworten, ein weiterer therapeutischer Zug. ELIZA beendet das Programm nicht und wartet, wenn es sein muss, unendlich lange auf die Eingabe des Anwenders. Das ist programmiertechnisch überhaupt kein Aufwand. Im Gegenteil, der umgekehrte Fall, z.B. nach 20 Sekunden Ruhe den Anwender erneut zu einer Eingabe aufzufordern, macht mehr Arbeit.

Die in Großbuchstaben wiedergegebenen Sätze sind die des Programms ELIZA. Äußerungen des Anwenders, in diesem Falle von mir, sind - wie im Programm übrigens auch - klein geschrieben.

Die englische Version:

SO HOW ARE YOU DOING TODAY?
hello
HI! WHAT DO YOU WANT TO TALK ABOUT?
i'd like to talk about fears
CAN YOU CLARIFY THAT A BIT?
i'm afraid of the future.
DO YOU BELIEVE IT IS NORMAL TO BE AFRAID OF THE FUTURE?
i don't know.
WHY DON'T YOU KNOW?
maybe other persons think like me.
YOU DON'T SEEM QUITE CERTAIN.
maybe yes.
CAN'T YOU BE MORE POSITIVE?
ok i'll try
THAT'S INTERESTING...
.
.
.
now i'm no longer afraid of the future.
DO YOU ENJOY BEING NO LONGER AFRAID OF THE FUTURE?
yes really.
IS IT REALLY?
yes it is.
ARE YOU SURE?
yes
I UNDERSTAND.

So weit im Sinne der Erfinder. Ein Dialog scheint stattgefunden zu haben. Wir werden nicht umhin können, den Äußerungen ELIZAs eine gewisse Anerkennung zugute kommen zu lassen, um sie nach den nächsten drei Beispielen wieder zu relativieren.

Die deutsche Version:

HI! WHAT DO YOU WANT TO TALK ABOUT?
ich möchte über meine angst vor der zukunft sprechen.
WHAT'S THAT SUPPOSED TO MEAN?
dass ich angst vor der zukunft habe.
THAT'S INTERESTING...
angst eben.
WHAT'S THAT SUPPOSED TO MEAN?
ich fürchte, dass ich im beruf versagen werde.
DID YOU COME TO ME BECAUSE YOU ARE BERUF VERSAGEN WERDE?
weil ich davor angst habe. können sie mir helfen?
THAT'S INTERESTING...
können sie?
WHAT DOES THAT SUGGEST TO YOU?
ich hoffe, dass ein gespräch mir die angst nehmen wird.
I SEE.
und?
I'M NOT SURE I KNOW WHAT YOU'RE TALKING ABOUT.

Durch den Wechsel der Sprache auf Seiten des Anwenders haben wir die Reizworte, mit denen das Programm arbeitet, herausgenommen. Dennoch versucht ELIZA, die deutschen Wörter in seine Fragen mit einzubauen: Did you come to me because you are Beruf versagen werde? Wir haben ELIZA demnach dazu verleitet, Unsinn zu reden.

Die Fantasiewort-Version:

hello
HI! WHAT DO YOU WANT TO TALK ABOUT?
i want to talk about qwerewq
SUPPOSE YOU SOON GOT TO TALK ABOUT QWEREWQ?
no, no, never before
ARE YOU SAYING NO JUST TO BE NEGATIVE?
just to be qwerewq
CAN YOU CLARIFY THAT A BIT?
qwerewq
PLEASE GO ON.
qwerewq
AND????
qwerewq
WHAT'S THAT SUPPOSED TO MEAN?
that means i'm qwerewq
HOW LONG HAVE YOU BEEN QWEREWQ?
for years
PLEASE GO ON.
i'm qwerewq for years
DID YOU COME TO ME BECAUSE YOU ARE QWEREWQ FOR YEARS?

Das Fantasiewort qwerewq ergibt weder im Englischen noch im Deutschen einen Sinn. Dass das Programm selbst damit versucht, zu interagieren, soll zeigen, dass es egal ist, was vom Anwender eingegeben ist. Für das Programm ist eine Zeichenfolge wie die andere, die es dreht und wendet und wieder ausgibt, auch wenn es für uns in einem Fall ein sinnvolles Wort und im anderen völliger Unsinn ist.

Die unsinnige Version:

HI, I'M ELIZA. WHAT DO YOU WANT TO TALK ABOUT?
dfg ergsj sdfj
THAT'S INTERESTING...
lkj dfg trs ffgetgsdgg fd
CAN YOU CLARIFY THAT A BIT?
ölkklk iklldnfk fdg idjfifgn fdgrth sdgfg ret
I'M NOT SURE I KNOW WHAT YOU'RE TALKING ABOUT.
mbkmgfk dmdmkfna dkjfpjsdfo drgv g h fdfdhg
CAN YOU CLARIFY THAT A BIT?
lökölks eooppgnn fkfkgopwe dgfdjfj fölgflkdfo
I'M NOT SURE I KNOW WHAT YOU'RE TALKING ABOUT.
weiijer wet dsndfskljl gfdfg a sdaf erg
I SEE.
dfgkner gfdgn rwet jk löihjngd dsgf gfnhgkk dfghg
PLEASE GO ON.
dbfdb rgerhg hkkj l qwcvbbh gfzk ...hjg k hgf
WHAT DOES THAT SUGGEST TO YOU?
rgbb zthjkhgkj fsvsdfg gfjfhgj ret trzhh dgfh fgsd ergerhgh gfh
THAT'S INTERESTING...

Einer der ersten, die ELIZA für den Einsatz in der therapeutischen Praxis verwendeten, ist Kenneth Mark Colby, ein amerikanischer Psychotherapeut und Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Außerdem ist er der Vizepräsident der Malibu Artificial Intelligence Works und verfolgt als solcher die Verbreitung und Weiterentwicklung von Computerpsychotherapeuten. Er selbst entwickelte nach ELIZA die Programme PARRY, ein Programm, das paranoide Prozesse simulieren soll, DEPRESSION, sowie das heute noch aktuelle Nachfolgeprogramm OVERCOMING DEPRESSION, ein computergestützes Therapie-Programm, das mit interaktiven Dialogen in Alltagssprache kommuniziert. Neben für den Patienten hilfreichen Zuschreibungen an das Programm, argumentiert Colby vor allem mit den marktwirtschaftlichen, also kostenbedingten Vorteilen, die Computerpsychotherapeuten mit sich bringen sollen. "Wenn sich die (ELIZA-)Methode bewähren sollte, so hätten wir damit ein therapeutisches Werkzeug, das man all den Nervenkliniken und psychiatrischen Zentren an die Hand geben könnte, die über zu wenig Therapeuten verfügen ... in einer Stunde (könnten) mehrere hundert Patienten von einem ... Computersystem behandelt werden" (Colby 1973, S.257, zitiert nach Weizenbaum S.240). Vorteile sieht er auch in der Privatheit, mit der der Patient zuhause das Programm nutzen kann. Er könne dem Programm seine tiefsten Gedanken und Gefühle anvertrauen, die er keinem anderen Menschen offenbaren möchte. Er werde nicht als Abhängiger, sondern als ein Lernender behandelt, er werde niemals mit Schweigen in Verlegenheit gebracht. Das Programm sei billig im Vergleich zu den regelmäßigen Therapiekosten beim Therapeuten und es habe keine Nebeneffekte (vgl. www.maiw.com/advan.html).
 
 

Mögliche Anwendungen auf den musiktherapeutischen Bereich

Es liegt mir fern, ernsthaft vorzuschlagen, einen Computer-Musiktherapeuten zu entwickeln. Am Ende der vorliegenden Arbeit sollte klar sein, warum ich jeglichen Einsatz von Computerpsychotherapeuten ablehne. Dennoch kann ich mir gut vorstellen, welche Probleme für solch ein Programm gelöst werden müssten und dass es auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz durchaus realisierbar wäre. Natürlich mit all den Einschränkungen, die dabei zu machen sind und den Namen Psychotherapie am Ende nicht mehr verdienen. Ich möchte damit zeigen, dass die Idee und deren Umsetzung aus der Sicht der KI gar nicht so abwegig ist, wie es uns vielleicht auf den ersten Blick hin erscheinen mag.

"(Damit Computer) wirklich gute Musik schreiben oder sehr ausdrucksstarke Bilder malen können, werden natürlich auf diesen Gebieten bessere semantische Modelle erforderlich sein. Daß es diese bislang nicht gibt, ist nicht so sehr ein Niederschlag der bestehenden Möglichkeiten heuristischer (Computer-)Programme als des traditionell miserablen Zustandes einer analytischen Kritik - eine kulturelle Konsequenz der Tatsache, daß die meisten ästhetischen Analytiker aufgebracht werden, wenn der Gedanke ausgesprochen wird, eines Tages könnte man das verstehen, was sie die ganze Zeit zu verstehen suchen" (Minsky 1968, zitiert nach Weizenbaum S.211). Nach Minsky bedarf es also lediglich einer besseren Analyse von musikalischen Ereignissen. Dass damit allein auf die physikalisch und schließlich formell beschreibbaren Aspekte gezielt wird, ist inzwischen der medienimmanenten Sichtweise der Computerideologie von außertechnischen Phänomene zuzuschreiben. Allein so wird argumentierbar, in der Umsetzung von Dynamik, Tonfrequenz und Klangqualität noch das Wesen von Musik zu sehen, obwohl sich die damit verbundene Ästhetik, Emotionalität und die für das Improvisieren notwendige Intuition der formalen Übertragung in Computerprogramme gänzlich verschließt. Der Simulationsansatz für diese Bereiche liegt einmal mehr im Zufallsgenerator. Beim Ausbleiben logischer Schlussfolgerungen wird der Computer angewiesen, seine Aktion zufällig auszuwählen. So werden Inaktivität und Systemabsturz verhindert.

Die Vision eines improvisierenden Computer-Musiktherapeuten in Verbindung mit dem bereits existierenden und mit zusätzlich musikalischen Begriffen programmierten Computer-Gesprächstherapeuten könnte demnach folgende Stationen durchlaufen. Zunächst müsste der Computer befähigt werden, die Musik des oder der Klienten aufzunehmen. Die als Soundkarte bekannte Schnittstelle könnte das via Mikrophon übernehmen. Desweiteren müsste ein Verfahren erfunden werden, das die nun digitalisierte Musik zu analysieren vermag. Für den musikalischen Parameter Lautstärke stellt dies kein Problem dar, er benötigt lediglich einen in Dezibel oder Phon vorliegenden Schwellenwert, anhand dessen er die Musik als laut oder leise klassifiziert. Im Gespräch würde der Computer darauf zurückgreifen können und Fragen stellen wie: "Sie haben die meiste Zeit sehr laut gespielt. Hat das eine Bedeutung für Sie?" oder "Ihre Musik wechselte häufig zwischen Laut und Leise. Empfinden Sie sich selbst als sprunghaft?"

Zugegeben eine suggestive Frage, die den parodierenden Charakter dieser Idee unterstreichen soll. In einer Einzeltherapie wäre es auch nicht weiter schwierig, das gewählte Instrument des Klienten zu identifizieren. Eine kurze Abfrage gespeicherter Oszillationskurven könnte dies bewerkstelligen. Dazu noch eine auf statistischen Untersuchungen basierende Zuordnung von Affekten und die nächste Frage ist fertig: "Sie haben sich für die Improvisation das Klavier gewählt. Wie erging es Ihnen damit? ....... Gefällt es Ihnen, eine Machtposition einzunehmen?" usw.

Doch der Computer soll ja während des Improvisierens nicht untätig bleiben. Er könnte den Klienten zuvor fragen, ob er ein bestimmtes Instrument wählen soll. In seinem Standard-Soundchip sind bereits über 100 einprogrammiert. Ein spezieller Chip könnte dem noch weitere hinzufügen. Die Ausgabe erfolgt über die Lautsprecher und kann in ihrer Dynamik variiert werden. Auch eine situationsabhängige Wahl des Instrumentes oder ein Wechsel während der Improvisation ist denkbar: Wenn der Klient Flöte spielt, wähle per Zufall eines der folgenden fünf Instrumente ... (if KlangInput = Flöte then choose (random (InstrumenteArray[1,12,34-36]))) ...

Schwieriger wird es da schon mit Melodie und Harmonik, während der Computer keinerlei Probleme hätte, rhythmische Schwankungen oder Übereinstimmungen zu erkennen. Doch nehmen wir an, auch dieses Problem könne gelöst werden, und der Computer vermag Intervalle, Dur-, Moll- und andere Akkorde zu erkennen. Schleunigst wird er sich in der Datenbank deren Zuordnung abholen und mit entsprechenden Imitationen antworten. Da er sehr schnell rechnen kann, vermag er das kleine, soeben vom Klienten gespielte musikalische Motiv zu wiederholen. Es gibt sogar schon Software, die zu einer gegebenen Melodie Begleitsätze in unterschiedlichen Stilen erfinden kann. Eingebaut in unseren Computer-Musiktherapeuten, könnte er das Klientenmotiv sogar erweitern und mit Begleitstimmen anreichern.

Doch genug der Vision. Es wird klar, dass der Computer in keinem dieser Fälle fähig ist, die tatsächlich wesentlichen Aufgaben eines realen Musiktherapeuten zu übernehmen. Die menschliche Improvisationfähigkeit würde zu Zufallsereignissen verkümmern, das Einfühlungsvermögen und das Wahrnehmen von Gegenübertragunsgefühlen kann dem Computer nicht beigebracht werden und doch würde oberflächlich betrachtet eine musikalische Improvisation mit anschließendem Gespräch darüber stattfinden.
 
 

Kritik und Diskussion

Dunkelheit kommt. Lang schon das Träumen verlernt.
Und die Zärtlichkeit scheint einen Halbmond entfernt.
Überall ein Glas, doch kein Freund.
Häng mein Herz nur an Dinge.
Kein liebes Wort, und doch kein Feind,
und um die Seele hängt ein Stein.
Augenschein lügt.
Nie mehr Gefühlen vertrau'n.
Ängste besiegt,
nur um eine Mauer zu bau'n.
Diese Welt hab ich so gewollt.
Ich bin frei, doch gefangen.
Und mein Käfig ist aus purem Gold.
Wann fängt man an, schon tot zu sein?
Mensch aus Stahl.
Ich leb, doch ohne zu leben.
Mensch aus Stahl.
Denn ich hab meine Tränen verloren.

(P. Maffay: Roboterlied aus Tabaluga)

Die Ausführungen zu Computeranwendungen im therapeutischen Bereich beschränkten sich auf die Idee des Computerpsychotherapeuten, weil sich an ihr die einschneidensten Veränderungen darstellen lassen. Parallel dazu wird der Computer im gesamten Verwaltungswesen einer Praxis oder Klinik eingesetzt. Dies betrifft jedoch einen gänzlich anderen Bereich, der für die vorliegende Arbeit nicht von Belang ist. Der Vollständigkeit wegen sei noch auf das Vorhandensein von Trainingsprogrammen, Ratgeber-CD-Roms und Selbsthilfeprogramme für Bagatellbeschwerden hingewiesen.
 
 

Der Taschenrechner-Effekt - Wie neue Techniken unser Denken beeinflussen

Als er aber bei der Schrift war, sagte Theut: "Dieser Lehrgegenstand, o König, wird die Ägypter weiser und gedächtnisreicher machen; denn als Mittel für Gedächtnis und Weisheit ist er erfunden worden." Doch Thamus erwiderte: "O du Meister der Kunstfertigkeit, Theut: der eine ist imstande die Künste hervorzubringen, ein anderer, zu beurteilen in welchem Verhältnis Schaden und Nutzen sich verteilen werden für die Leute, die sie brauchen sollen. Auch du hast jetzt, als Vater der Schrift, aus Voreingenommenheit das Gegenteil von dem angegeben, was sie vermag. Denn diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen..."
(Platon: Phaidros S.274)

 

In der Philosophie und der Mediendiskussion wird der Computer gemeinhin als ein Werkzeug, das uns beim Denken hilft, bzw. als ein Medium angesehen, das eine nach außen gerichtete Verlängerung unseres Denkens darstellt, "Technik [...] als Organerweiterung und Organverstärkung [...] wird zur künstlichen Ausweitung des menschlichen Körpers" (Krämer S.76). Mit dieser Vorstellung sind Überlegungen verbunden, die ich an einem vereinfachten Beispiel erläutern möchte, das ich den Taschenrechner-Effekt nenne. Als Mathematiklehrer weiß ich um die bewusste Entscheidung, den Schülern für die Bearbeitung mathematischer Aufgaben bis zu einem gewissen Anforderungsgrad keinen Taschenrechner in die Hand zu geben oder dessen Gebrauch ausdrücklich zu unterbinden. Der Grund dafür ist einfach: Der Schüler, der im Begriff ist, z.B. die Grundrechenarten zu erlernen, wird dies nur in erschwertem Maße oder garnicht bewältigen, wenn er statt selbst nachzudenken, also im Kopf zu rechnen, vorschnell ein Hilfsmittel benutzt, das ihm genau diese Denkarbeit abnimmt. Der scheinbare Vorteil, das Ergebnis sicher richtig und dazu noch schneller herauszubekommen, wiegt die eigentliche Absicht nicht auf, nämlich, dass der Schüler Rechnen lernt.

Ein ähnliches Beispiel sind die Telefonnummernspeicher. Einmal eingegeben lässt sich eine Nummer über lediglich eine Taste wählen. Die eigentliche Telefonnummer muss man nicht mehr Zahl für Zahl wählen, was dazu führt, dass man sie vergisst, obwohl man sie einmal auswendig wusste und durch regelmäßige Benutzung immer wieder memoriert hat. Was, wenn diese Nummer einmal an einem anderen Ort, sagen wir von einer Telefonzelle aus, gebraucht wird. Aus Gewohnheit daran, dass der Nummernspeicher einem zumeist die 'Merk-Arbeit' abgenommen hat, wird man vielleicht feststellen, dass man die Nummer nicht parat hat, weder im Kopf noch auf einem Notizzettel. Vor der Benutzung des Nummernspeichers wurde die Nummer jedoch noch auswendig gewusst. Gewiss, die Situation ist nicht unlösbar, die Nummer lässt sich über Auskunft o.a. beschaffen. Worauf ich hinaus will, ist jedoch, dass die Technik in diesem Fall den Umgang mit ihrem Inhalt und damit unser Denken beeinflusst hat und wir uns dies bewusst machen können.

Steven Johnson berichtet in einer eindrucksvollen Selbstbetrachtung über die Veränderungen beim Schreiben mit einem (Computer-) Textverarbeitungsprogramm: "Wenn die Formulierung nicht ganz richtig war, konnte man mit ein paar schnellen Maus-Bewegungen die Worte neu arrangieren, und die magische Taste 'Löschen' war immer nur den Bruchteil einer Sekunde entfernt. Nach einigen Monaten bemerkte ich einen qualitativen Wandel in der Art und Weise, wie ich mit Sätzen arbeitete: Das Denken und der Prozeß des Schreibens begannen, einander zu überschneiden. Es kam vor, daß mir ein Satz in den Sinn kam - ein Satzfragment, ein Anfang, eine parenthetische Bemerkung -, und bevor ich Zeit hatte darüber nachzugrübeln, befanden sich die Worte schon auf dem Bildschirm. [...] Es war ein subtiler Wandel, aber gleichwohl ein profunder. Die fundamentalen Einheiten meines Schreibens waren unter dem Bann der Textverarbeitung mutiert" (Johnson S.163).

Verfolgen wir das Bild des Taschenrechner-Effektes weiter, so stoßen wir aber auch an die Grenze, wo es uns selbst mit Verfügung unendlicher Zeit nicht gelingen wird, bestimmte mathematische Aufgaben im Kopf zu lösen, weil die Anforderung der Aufgabe unser Denkvermögen übersteigt. Wir stehen dann vor der Alternative, die Lösung nur mit Hilfe des Taschenrechners oder gar nicht herauszufinden. Eine solche Aufgabe könnte möglicherweise schon das Teilen einer großer Zahl durch eine ebenfalls nur schwer handhabbare andere Zahl sein, oder ein noch besseres Beispiel wäre die Verknüpfung mehrerer komplizierter Teilaufgaben mit Logarithmen, Integralfunktionen oder ähnlichem. Möglicherweise helfen uns die anderen Medien Papier und Bleistift noch ein Stück weiter, aber ohne Frage sind Probleme vorstellbar, die wir nur noch mit Taschenrechner oder Computer bewältigen können. Interessant mag dabei anmuten, dass frühen Mathematikern diese Hilfsmittel mit Sicherheit nicht zur Verfügung standen. Dennoch waren sie fähig, die Probleme aufzuwerfen und zu lösen. Sofern wir kein Problem darin sehen, dass uns Maschinen das Denken abnehmen, spricht nichts dagegen, die Schüler eine Aufgabe wie 15-8 mit dem Taschenrechner lösen zu lassen. Ich hoffe, die Crux einer solchen Entscheidung liegt auf der Hand und macht deutlich, was ich mit dem Begriff Taschenrechner-Effekt darlegen möchte. Genauso deutlich wird darin, dass es nicht um die Ablehnung des Taschenrechners schlechthin geht. Ähnlich könnte man sonst auch gegen die Benutzung von Büchern, ja von Schrift an sich argumentieren, was uns in eine Sackgasse verschlagen würde. Denn warum schreiben wir uns etwas auf? - Weil wir es uns im Kopf nicht mit der gleichen Genauigkeit merken können. Umgekehrt lautet das Argument also: Wenn ich mir etwas aufschreibe, brauche ich es mir nicht zu merken. Andererseits gab und gibt es Kulturen, die einer Schrift nicht mächtig sind und sie auch gar nicht brauchen. Dennoch erhalten sich Mythen und Erzählungen über Generationen und werden mündlich weitergegeben. Die Menschen, die sie erzählen, haben sie im Kopf. Der westliche Mensch würde wahrscheinlich sehr schnell an der Richtigkeit seiner eigenen Überlieferungen zweifeln, wollte er versuchen, es dem 'Analphabeten' gleichzutun und schnell würde er sich ein Buch, möglicherweise auch bald ein Computer-Pad (elektronisches Buch, Heft, Notizzettel), herbeiwünschen, in dem alle Wörter der Geschichte verlässlich verzeichnet sind. Dennoch wird keiner von uns Bücher oder Schrift ablehnen, die eine Jahrhunderte umspannende Literatur hervorbrachte, sondern sich womöglich die Bewunderung für die Menschen erhalten haben, die sich viel mehr merken können als man selbst. Das analoge Paradebeispiel in der Mathematik ist das Aufkommen der fraktalen Geometrie von Benoit Mandelbrot und der mit ihr einhergehenden Chaostheorie. Ohne die enorme Rechenleistung des Computers würden diese Disziplinen schlichtweg nicht existieren.

Die Lösung zeigt sich in der Suche nach der Grenze zwischen dem, was machbar ist und dem, was dennoch nicht umgesetzt werden sollte. Und dies ist genau die Frage, die ich in Bezug auf Computerprogramme im therapeutischen Feld aufwerfe.
 
 

Die Beschaffenheit von Computerprogrammen und die Macht der Nullen und Einsen

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der traditionelle Wunsch der Moderne, unter die Oberfläche, in die Mechanik des Betriebssystems, zu schauen, mehr und mehr verflüchtigt. Wir haben uns daran gewöhnt, durch Bildschirmsimulationen zu navigieren, und wir neutralisieren die Computer in unserem Umfeld immer seltener durch Fragen wie 'Wie funktioniert das?' und 'Was geht eigentlich darin vor?'

(Turkle S.61)

Für alle, die sich ganz im Bann der Computermetapher befinden, bedeutet X zu verstehen, daß man in der Lage ist, ein Computerprogramm zu schreiben, das X realisiert.

(Weizenbaum S.211)

Keiner außer den Machern weiß, wie es funktioniert. Wir schauen uns reihenweise Filme an, die vollgestopft sind mit Special Effects, haben aber keine Ahnung davon, wie sie zustande gebracht werden. "Das wird doch heute alles mit dem Computer gemacht" heißt es dann, als ob das eine Erklärung wäre. Die Mächtigkeitsmetapher des Computers muss herhalten, die beinhaltet, dass man mit Computern 'alles' machen kann. Sie ist so umfassend in unseren Köpfen vorhanden, dass wir dabei oft genug die Lebensbereiche unserer Leiblichkeit, Sinnlichkeit, Religiösität, Emotionalität, Mobilität und der menschlichen Interaktivität übersehen. Wir sind, was das Funktionieren Neuer Medien betrifft im Allgemeinen unaufgeklärt. Die tieferen technischen Arbeitsweisen sind uns fremd und wir haben nur eine ungefähre, zuweilen mystische Vorstellung davon, was es mit den Einsen und Nullen eigentlich auf sich hat, die der gesamten Computertechnik zu Grunde liegen und selbst sogar bereits eine bildhafte Vorstellung des eigentlichen physikalischen Vorganges sind: 1=Strom fließt, 0=Strom fließt nicht. Wir sind von diesen grundlegenden Vorgängen getrennt durch die Interfaces, die - wie der Name sagt - zwischen uns und der basalen Technik liegen: Benutzeroberflächen wie Windows oder die des Apple Macintosh, Anwenderprogramme mit leicht verständlichen Knöpfen zur Bedienung, Browser wie Netscape und Internet-Explorer, die den Zugang zum Internet für uns überhaupt erst möglich machen. Ohne diese Interfaces wäre der heutige Standard wahrscheinlich noch die sparsame DOS-Ebene, ein schwarzer Bildschirm mit Eingabeaufforderung, für den wir unzählige kryptische Befehle benutzen müssten, um die Maschine zu bedienen. Ohne die Interfaces wären die Computer heute nicht so populär. Verschwunden ist dadurch aber auch - wie Sherry Turkle schreibt - das Interesse der 70er Jahre, hinter die Kulissen zu schauen, wissen zu wollen, wie die Dinge funktionieren. Gerade für die Pädagogik könnte sich vor dem Hintergrund der aufziehenden Simulationskultur ein entscheidender Paradigmenwechsel ergeben. "Der simulierte Desktop [Bildschirmanzeige des Betriebssystems, Anm. DBF], den der Macintosh präsentierte, war viel mehr als nur eine benutzerfreundliche technische Spielerei, um unerfahrenen Laien den Zugang zum Computer zu erleichtern. Er führte auch eine Weise des Denkens ein, die besonderen Nachdruck auf die Manipulation der Oberfläche und das Arbeiten in Unkenntnis der zugrundeliegenden Mechanismen legte" (Turkle S.50f).

Es würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, die Arbeitsweise von Computern ausführlich darlegen zu wollen. In der Tat ist diese Technik, die auf einem Mikrochip inzwischen Millionen von Transistorschaltungen vereinigt, so komplex, dass es hier genügen mag, anzudeuten, was sie mit einschließt, um es vielleicht an anderer Stelle genauer nachzulesen. Auch hierfür eignen sich Weizenbaums Buch 'Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft' oder Bücher zur Programmierung in Maschinensprache, die zunächst auf die Arbeitsweise von Computern eingehen, wie z.B. das von Peter Monadjemi (s. Literaturverzeichnis). Neben den bereits angesprochenen Zuständen 0 und 1 gehören dazu logische Schaltkreise und deren Verknüpfung über logische Operatoren, sogenannte Registermanipulationen in der CPU, der Central Processor Unit, und ihre Verknüpfung mit dem Arbeitsspeicher des Computers, wo Zahlenwerte in Form von Variablen abgelegt und wieder abgerufen werden können. Verbindung vom Anwender zu den inneren Funktionalitäten wird über Ein- und Ausgabegeräte hergestellt. Das sind zunächst Tastatur und Bildschirm, es gibt aber auch weitere wie Maus, Mikrophon, Scanner auf der einen und Drucker und Lautsprecher auf der anderen Seite.

Um nun das Gerät nutzbar zu machen, bedarf es seiner Programmierung. Programmiersprachen stellen Befehle, die die Register der CPU so manipulieren, dass sie den Rechner dazu veranlassen, in dem Sinne für uns zu arbeiten, wie wir uns das vorstellen. Obwohl die inneren technischen Zustände der Maschine sich auf nur zwei eingrenzen lassen, Strom fließt oder Strom fließt nicht, ergeben sich daraus all die vielfältigen Möglichkeiten, die sich mit einem Computer umsetzen lassen, angefangen vom einfachen Addieren zweier Zahlen über das Darstellen und Manipulieren von Zeichen in einem Textverarbeitungsprogramm bis hin zu eigenständig ablaufenden Simulationen der Klimalage und der Kontrolle von Raketen und Raumfähren, also bis hinein in Bereiche, wo der Computer dem Menschen aufgrund seiner Geschwindigkeit überlegen ist.

Was ich in diesem Kapitel zu zeigen versuche, ist, dass die Möglichkeiten von Computerprogrammen bei all der Macht dennoch eingeschränkt sind, wenn wir vom rein technischen Weg einen Schritt zur Seite machen und uns dem menschlichen Sein zuwenden, das der Computer nicht zu simulieren vermag, obwohl das vielerorts behauptet wird, am meisten in der Diskussion darum, ob Computer intelligent sein können. Die Idee, Computern Intelligenz zuzuschreiben, setzt nicht zuletzt dort an, wo ein Programmierer nicht mehr voraussagen kann, was das Programm als nächstes tun wird, sei es bei einer harmlosen Schachpartie oder einem auf natürlicher Sprache basierenden Gespräch. Dennoch macht das Programm nichts anderes, als die eingegebenen Verarbeitungsschritte auszuführen wie wir im Kapitel über ELIZA gesehen haben. Im Falle des Schachspieles vergleicht es bei jedem Zug die aktuelle Aufstellung der Figuren mit einem riesigen Katalog bereits gespielter Partien, um den geeigneten nächsten Zug zu berechnen. Es denkt sich keineswegs einen eigenen Zug aus, sondern schlägt nach, was der oder der erfolgreiche Schachspieler in diesem Fall tat. Sollte die Aufstellung nicht katalogisiert sein, hat der Programmierer noch eine auf Zahlenwerten basierende Einschätzung vorgesehen, stellt sich heraus, dass es mehrere gleichbewertete Zugmöglichkeiten gibt, kann das Programm nur noch per Zufall den Zug auswählen, der schließlich getätigt wird. Wäre die Zeit, die der Computer braucht, für jeden möglichen Zug und Gegenzug die Partie im Voraus zu Ende zu berechnen, akzeptabel im Sinne davon, dass sich dann auch noch eine Partie gegen ihn spielen lässt, so wäre er unschlagbar. Aber selbst mit den heute schnellsten Rechnern lässt sich das noch nicht bewerkstelligen, sie bräuchten aufgrund der astronomisch hohen Zugmöglichkeiten Tage, auch nur einen Zug zu berechnen. Theoretisch könnte ein menschlicher Spieler ähnlich wie der Computer vorgehen, doch er bräuchte Stunden, um den jeweils richtigen Zug im Katalog zu finden. Praktisch ermöglicht einzig die hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit des Computers, auf solche Art vorzugehen. Gegen ein solches Programm zu spielen bedeutet - wie der 13jährige Alex in Turkles Buch sagt - gegen jemanden zu spielen, der schummelt. "Es ist so, als könnte Boris [der Schachcomputer, Anm. DBF] nach jedem Zug sämtliche Schachbücher der Welt lesen", was ihm einen unlauteren Vorteil bringe (Turkle S.460).

Man mag darüber streiten, ob Programme, die Strategiespiele spielen können, intelligent sind, immerhin wurden schon Schachgroßmeister geschlagen, oder ob man einen neuen Begriff wie Maschinenintelligenz dafür erfindet, um sie von menschlicher Intelligenz zu unterscheiden. Was bei dieser Überlegung mitspielt, ist, dass wir nur einen klitzekleinen Lebensausschnitt betrachten, für den - wie immer man sich entscheidet - der neue Intelligenzbegriff gilt, und es ist zudem ein sehr logischer und formal technischer Bereich: das Spielen und Gewinnen einer Schachpartie. Deutlich ist nur, dass das Programm nicht aufgrund menschlicher Intelligenz zu agieren vermag, sondern aufgrund der Tatsache, dass der Programmierer einen (Um-)Weg gefunden hat, den Vorgang des Schachspielens innerhalb eines Effektiven Verfahrens zu beschreiben und der Maschine einzugeben. Sie erhält dadurch keinerlei Bewusstsein oder tatsächliches Wissen um das Spiel, sondern sie befolgt Wenn-dann-Anweisungen und nutzt, wenn sie diese nicht zum Ziel führen, den Zufallsgenerator, um auf jeden Fall einen Zug setzen zu können. Per (simuliertem) Zufall zu entscheiden, hat mit Sicherheit nichts mit Intelligenz zu tun, sondern verhindert lediglich, dass der Computer steckenbleibt und sich in einer Endlos-Schleife verliert.

Ich habe mich so lange am Beispiel des Schachspielens aufgehalten, weil es das Paradebeispiel der frühen KI-Bewegung ist, zu behaupten, ein Computer könne intelligenter sein als ein Mensch. Ich behaupte dagegen, dass ein Computer von jeglichem Sein überhaupt weit entfernt ist. Die Programmiertechniken für Computerpsychotherapeuten sind prinzipiell nicht viel anders, was diese Programme untauglich für das therapeutische Feld macht, sofern wir davon ausgehen, und das tue ich, dass für die therapeutische Arbeit Einfühlungsvermögen und menschliche Beziehungsfähigkeit wichtig ist.

"Letzlich muß zwischen der Intelligenz von Menschen und der von Maschinen ein Trennungsstrich gezogen werden. Wenn es einen solchen Strich nicht gibt, dann sind die Befürworter einer Psychotherapie, die über Computer erfolgt, vielleicht lediglich die Vorboten eines Zeitalters, in dem der Mensch schließlich nur noch als ein Uhrwerk betrachtet werden kann" (Weizenbaum S.22). Wie sieht es dann um das Verständnis von Problemen und Belastungen aus, die aus einer bereits umgesetzten Sicht des Menschen als funktionierendes Rad z.B. am Fließband einer Fabrik entstehen? Letztlich kann daraus nur Unverständnis resultieren, weil einem die Perspektive der nichttechnischen Betrachtungsweise verlorengegangen ist. Die Trennlinie zwischen technisierter Virtualität und Realität ist deshalb oft so schwierig zu ziehen, weil sie bereits vor den Computern verwischt war und sich der Mensch den Maschinen in Teilbereichen des Lebens unterworfen hat. Erfolgt die Entwicklung in kleinen Schritten, bemerken wir das Überschreiten neuer Grenzen nicht oder finden es nur wenig bedenklich. Mitunter usurpiert aber auch eine revolutionäre schnelle Erneuerung wie z.B. im Falle des Internet das Nachdenken über die Folgen, die wir uns damit einhandeln. Und bis dann Antworten auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit gefunden sind, lässt sich die Entwicklung nicht mehr stoppen oder korrigieren.

Das wir uns überhaupt dazu verleiten lassen, Computer als menschenähnlich intelligent anzusehen, liegt an der zuvor beschriebenen Unaufgeklärtheit im technischen Bereich und dem, was der ELIZA-Effekt genannt wird: "Ich konnte bestürzt feststellen, wie schnell und wie intensiv Personen, die sich mit DOCTOR [der Name, unter dem ELIZA bekannt wurde, Anm DBF] unterhielten, eine emotionale Beziehung zum Computer herstellten und wie sie ihm eindeutig menschliche Eigenschaften zuschrieben" (Weizenbaum S.19). "Unsere Sprache verführt uns dazu, die 'Natürlichkeit' intelligenter Maschinen zu akzeptieren, ja sogar zu übertreiben. Der ELIZA-Effekt bezeichnet unsere allgemeinere Neigung, reaktionsfähige Computerprogramme als intelligenter einzuschätzen, als sie in Wirklichkeit sind" (Turkle S.159). Wie ich an anderer Stelle ausführe, sind Computer überhaupt nicht zu echter Intelligenz fähig. Der ELIZA-Effekt beschreibt, dass einem lediglich Informationen umwandelnden Programm menschliche Attribute zugewiesen werden. Wir kennen in anderen Bereichen die starke emotionale Verbundenheit mit Dingen unseres Alltags, sei es , dass sie symbolisch für freudige Erinnerungen stehen oder dass sie uns durch jehrelange Benutzung lieb und wertvoll geworden sind wie das z.B. bei einem Musikinstrument oder sogar bei einem Auto der Fall sein kann. Doch niemand wäre bisher auf die Idee gekommen, diesen Medien Eigenschaften wie Intelligenz oder Verständnis zuzuschreiben. Bei Computern ist das anders und der ELIZA-Effekt ist eine Beschreibung genau dieses Phänomens.
 
 

Computerprogramme versus therapeutische Beziehung

Als Vorbedingung für die bloße Möglichkeit, daß eine Person einer anderen behilflich sein könnte, mit ihren emotionalen Problemen fertig zu werden, hatte ich es bis dahin für wesentlich gehalten, daß der Helfende selbst daran teilnahm, wie der andere diese Probleme erfuhr, und daß er weitgehend dadurch zu deren Verständnis gelangte, daß er sie einfühlend nachvollzog. Es gibt zweifellos viele Techniken, die einem Therapeuten eine phantasievolle Projektion in das Innenleben des Patienten erleichtern. Aber daß es möglich war, daß auch nur ein einziger praktizierender Psychiater dafür plädierte, diese entscheidende Komponente des therapeutischen Prozesses ausschließlich durch Technik zu ersetzen - das war mir nie in den Sinn gekommen! Was muß ein Psychiater mit solchen Vorstellungen für eine Auffassung davon haben, was er in der Behandlung eines Patienten eigentlich tut, wenn in seinen Augen die einfachste mechanische Parodie einer einzelnen Interviewtechnik das ganze Wesen einer menschlichen Begegnung erfaßt hat?
(Weizenbaum S.18)

"Ein menschlicher Therapeut kann als jemand aufgefaßt werden, der Informationen verarbeitet und Entscheidungen an Hand einer Reihe von Entscheidungskriterien trifft, die eng mit kurz- und langfristigen Zielen verbunden sind ... Bei seinen Entscheidungen läßt er sich von groben empirischen Regeln leiten, die ihm Anhaltspunkte dafür liefern, was er in einem bestimmten Kontext am besten sagt bzw. nicht sagt" (Colby 1973 S.150, zitiert nach Weizenbaum S.241). "Mit anderen Worten, der Patient ist ein Objekt, das sich vom gewünschten Objekt unterscheidet. Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, den Unterschied (unter Verwendung der entsprechenden Operatoren) auszumachen und ihn dann (unter Anwendung von Operatoren zur Reduktion von Unterschieden) zu reduzieren usw. Das ist sein 'Problem'!" (Weizenbaum S.241)
Alles, was man einem Computer eingeben kann, muss auf sogenannten Effektiven Verfahren basieren. Damit sind Vorgänge gemeint, die sich mit klaren, logischen Regeln als Wenn-Dann-Beziehungen umsetzen lassen, so wie es in Colbys Äußerung nahegelegt wird. Lediglich Aspekte des Lebens, die sich formalisieren lassen, taugen für die computerbasierte Simulation und so ist es oft nicht sie, die an die Wirklichkeit angeglichen wird, sondern die Sicht der Wirklichkeit wird dem Machbaren der Technik angeglichen. Colbys maßlose Reduzierung des Therapieverständnisses drückt dies deutlich aus.

Die Umsetzung von Computerpsychotherapeuten geht folgenden Weg:

Simulation natürlicher Sprache durch den Computer,

Auswahl und Vereinfachung von Gesprächsregeln,

Standardphrasen für den Fall, dass eine Auswahl gemäß der Regeln nicht stattfinden kann (Zufallsgenerator),

Umsetzung und damit Reduzierung auf durch Effektive Verfahren beschreibbare Anteile des Vorganges,

Annahme, dass natürliche Sprache und Therapeutenaufgabe damit ausreichend und wirklichkeitsgetreu umgesetzt sind,

Annahme, dass das Programm das gleiche zu leisten vermag wie der Mensch,

Anwendung und Erliegen des Menschen gegenüber dem ELIZA-Effekt
 
 

Um darzulegen, dass es zu dem, was ein Computer leisten kann, keinerlei Intelligenz seinerseits bedarf, mag ein Bild helfen, das der Philosoph John Searle benutzte, um zu zeigen, dass ein Computerprogramm, wie klug es sich auch gebärden möge, niemals zu echtem Verstehen oder Lernen fähig sei, da es lediglich Regeln befolgt und daher niemals ein Verständnis davon entwickeln kann, was es tut. Sein Gedankenexperiment nannte er 'Chinesisches Zimmer'. Es beschreibt ein System, das den Turing-Test für die chinesische Sprache besteht, ohne ein Wort Chinesisch zu können: Wir stellen uns vor, wir seien in einem Zimmer, in dem sich eine Reihe von Karteikarten befindet, die uns in einer uns verständlichen Sprache Anweisungen erteilen, die wir befolgen (Programmcode). Desweiteren besitzen wir auf einem Zettel eine Geschichte in chinesischen Schriftzeichen geschrieben (Datenblock). Wir können aber kein Chinesisch, wir wissen nicht einmal, dass es sich um eine Geschichte handelt. Jetzt werden uns durch einen Schlitz in der Wand Zettel mit ebenfalls in chinesischer Sprache geschriebenen Fragen zu der Geschichte gereicht. (Tastatureingabe) Auch jetzt wissen wir nicht, dass es sich um Fragen zu dem ersten Zettel handelt. Die Anweisungen auf den Karteikarten sagen uns, was wir mit den eben erhaltenen Fragen tun sollen. Wir suchen eine Karteikarte heraus, auf denen sich die gerade erhaltenen Schriftzeichen befinden, was wir mit visuellem Vergleichen herausfinden. In der uns verständlichen Sprache steht auf der Karteikarte geschrieben: Wenn du dieses Zeichen bekommst, so reiche dieses andere Zeichen, das uns ebenfalls als Karteikarte vorliegt, aus dem Zimmer hinaus. Mit etwas Übung werden wir im Befolgen der Regeln immer geschickter. Sofern die Anweisungen auf den Karteikarten vollständig sind, wird es uns gelingen, immer die richtigen Karten herauszugeben (Bildschirmausgabe). Die Menschen außerhalb des Zimmers, die uns die chinesischen Fragen zu der chinesischen Geschichte stellen, bekommen stets die richtigen Antworten. Durch das bloße Befolgen der Anweisungen haben wir es also geschafft, auf die Fragen die richtigen Antworten zu geben. Ist das ein Beweis dafür, dass wir Chinesisch verstehen? Natürlich nicht. Wir hätten ebenso gut sinnlose Silben vergleichen können.

Bei der Umsetzung in ein Computerprogramm gehen viele Aspekte des menschlichen Seins verloren, die das Programm nicht wieder aufgreifen kann. Doch "wie sieht das Bild aus, das der Psychiater von seinem Patienten hat, wenn er als Therapeut sich selbst nicht als engagiertes Wesen begreift, das zu heilen versucht, sondern als jemanden, der Informationen verarbeitet, Regeln befolgt etc.?" (Weizenbaum S.19) Bereits hierin liegt eine reduzierende Sichtweise des Menschen schlechthin und als Therapeut im Speziellen. "Mit anderen Worten, es gibt einige Dinge, die Menschen deshalb wissen, weil sie einen menschlichen Körper haben. Kein Organismus, der nicht ebenfalls, einen menschlichen Körper hat, kann diese Dinge auf dieselbe Weise wissen wie Menschen dies tun. Jede symbolische Darstellung dieser Dinge verliert notwendig einen Teil der Information, die für bestimmte menschliche Zwecke wesentlich ist" (Weizenbaum S.276f). Die an der Informationsverarbeitung orientierte Psychologie geht von der Annahme aus, "daß programmierte Computer und der Mensch als Problemlöser beide Arten der Gattung 'informationsverarbeitendes System' sind" (Newell/Simon 1957, zitiert nach Weizenbaum S.226). Aber nicht alles, was den Menschen bewegt, lässt sich als verarbeitbare Information darstellen. Zwar wird heute bereits an der Entschlüsselung und Formalisierung der menschlichen Mimik gearbeitet (s. Anhang 'Psychotherapie auf der Cybercouch'), doch die Repräsentanz auf Computer-Seite wird weit entfernt bleiben von jedem menschlichen individuellen Verständnis einer therapeutischen Situation. Der Computer kann nicht mehr, als typisierte Gesichtsausdrücke einem Begriff wie Trauer oder Freude zuzuordnen und sie dem Klienten entsprechend zurückzumelden.

Durch Verdrängen aller medialen und technischen Einflüsse und Umformungen, die der Inhalt 'Therapeutisches Gespräch' damit erfährt und durch Blindheit gegenüber dem menschlichen Sein, den mitspielenden Emotionen, Empathie, Körpergefühl, Religiösität, Einflüssen durch Raum und Zeit, den Biografien, Hintergründen und Erfahrungen, kurz der maßlosen Reduktion bei der Umsetzung der Wirklichkeit in eine Simulation, wird die Durchführung des Vorhabens überhaupt erst nachvollziehbar.

"Wir sind im Vorangegangenen von der Idee der Universalität von Computern ausgegangen. Nunmehr ist zu fragen, ob mit dieser Universalität impliziert ist, daß sie 'alles können'. Die eigentliche Frage lautet: 'Läßt sich alles, was wir tun möchten, in Begriffen eines effektiven Verfahrens beschreiben?' Die Antwort lautet: 'Nein'" (Weizenbaum S.97). Es ist vieles denkbar, was außerhalb der Beschreibungsmöglichkeiten eines Effektiven Verfahrens liegt. Entscheidend ist, dass die Psychotherapie dazugehört.

"Bei computervermittelter Kommunikation via getipptem Text sind die meisten Sinnesmodalitäten ausgeschlossen" (Döring S.210). Wir haben hier eine Querverbindung zu den textbasierten Austauschplattformen des Internet: E-Mailing, Newsgroups und Mailinglists. Für die letztgenannten mag das angehen, doch scheint es mir für die Therapie-Situation eine drastische und zudem hinderliche "Kanalreduktion" (ebd.) zu sein. Wichtig erscheint mir auch, dass die Programme uns ja gerade über den tatsächlichen Sachverhalt ihrer Programmierung zu täuschen versuchen. Die Vertreter der Künstlichen Intelligenz eifern nach wie vor danach, Programme zu entwickeln, die den Turing-Test bestehen und sich deshalb mit Namen und Personalpronomen eine menschliche Fassade geben sollen. "Selbst wenn ein Computer Gefühle der Verzweiflung und Liebe simulieren könnte, ist er damit auch in der Lage, verzweifelt und verliebt zu sein?" (Weizenbaum S.265) Der Computertherapeut ist lediglich in der Lage, logisch zu re- und interagieren, nicht - wie es für die Psychotherapeuten angemessen ist - psychologisch.

"Die Informationsverarbeitungsmodelle förderten die Abspaltung der Affekte; die emergente KI versucht, sie zwar zu integrieren, reduziert sie aber gleichzeitig" (Turkle S.233). Es handelt sich um nichts anderes als die Umformung eines analogen in einen digitalen Vorgang, der zwangläufig den Verlust der Ganzheit mit sich zieht. Einem Computer etwas einzuprogrammieren bedeutet, es im informationstechnischen Sinne zu analysieren - also interessengeleitet - und damit zugleich zu verändern. Das fertige Programm repräsentiert entweder nur einen formell beschreibbaren Teilaspekt des ursprünglichen Ausgangsphänomens oder, was wahrscheinlicher ist, hat eine einschneidende Veränderung bewirkt. Deshalb lässt sich im Computer immer nur eine schlechte Kopie, eben höchstens eine Simulation des Echten hervorrufen. Diese Simulation an die Stelle des Echten zu setzen heißt, sich dem ELIZA-Effekt gänzlich auszuliefern. "Ohne Frage hat die Einführung des Computers in unsere bereits hochtechnisierte Gesellschaft [...] lediglich die früheren Zwänge verstärkt und erweitert, die den Menschen zu einer immer rationalistischeren Auffassung seiner Gesellschaft und zu einem immer mechanischeren Bild von sich selbst getrieben haben. [...] Dadurch sind wir bis kurz vor dem Punkt angelangt, an dem fast jedes echte menschliche Dilemma als bloßes Paradox betrachtet wird, als ein lediglich scheinbarer Widerspruch, der durch die sachgemäße Anwendung einer kühlen Logik aufgelöst werden kann" (Weizenbaum S.25f). Und als Schlussfolgerung bleibt die wichtige Grundeinsicht, "daß wir zur Zeit keine Möglichkeit kennen, Computer auch klug zu machen, und daß wir deshalb im Augenblick Computern keine Aufgaben übertragen sollten, deren Lösung Klugheit erfordert" (Weizenbaum S.3000).

Doch diese Argumente allein vermögen den Einsatz von Psychotherapeutenprogrammen nicht zu verhindern. Sie stellen nämlich auf der marktwirtschaftlichen Seite eine immense Kostenersparnis dar, denen sich das Gesundheitswesen nicht verschließt. "In einer Zeit, in der immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft einer therapeutischen Beratung bedürfen und in der Simultanrechner weit verbreitet sind, könnte ich mir gut die Entwicklung eines Netzes von psychotherapeutischen Computeranschlüssen vorstellen, etwa einer Phalanx von Telefonzellen vergleichbar, in denen wir für ein paar Dollar pro Sitzung mit einem aufmerksamen, qualifizierten und weitgehend nicht-direktiven Psychotherapeuten sprechen könnten" (Sagan 1975, zitiert nach Weizenbaum S.18).

So ist das, was Colby zu Beginn der Entwicklung von Computerpsychotherapeuten visionierte, heute attraktiver denn je: "Aufgrund der Simultanrechenfähigkeiten gegenwärtiger und zukünftiger Computer könnten in einer Stunde mehrere hundert Patienten von einem eigens dazu entworfenen Computersystem behandelt werden. Der menschliche Therapeut, der am Entwurf der Wirkungsweise des Systems beteiligt wäre, würde dadurch nicht überflüssig, sondern könnte viel effektiver arbeiten, da sich sein Einsatz nicht mehr auf ein Verhältnis Therapeut zu Patient wie eins zu eins beschränken würde, wie dies bislang noch der Fall ist" (Colby 1966, zitiert nach Weizenbaum S.17). In der Umkehrung dieser Aussage liegt die Fußangel der Zukunft. Was, wenn der Geldgeber sich genau dieses Argument zunutze macht. Müsste dann nicht die Finanzierung der klassischen Therapie von Mensch zu Mensch verschwinden? Es handelt sich also keineswegs um eine technische Spielerei, über den Einsatz von Psychotherapieprogrammen nachzudenken, sondern in der Rückwirkung ihrer vermeintlichen Wirtschaftlichkeit um mögliche tief einschneidende Veränderungen des Berufsfeldes schlechthin. "Die Liste der Bereiche, in denen der Computer sich als hilfreich erwiesen hat, ist zweifellos lang. Es gibt jedoch [...] Anwendung[en] von Computern, die entweder überhaupt nicht zum Einsatz kommen oder, wenn sie erwogen werden, mit äußerster Vorsicht praktiziert werden sollten. [...] Ich würde alle Projekte, bei denen ein Computersystem menschliche Funktionen ersetzen soll, die mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und Liebe zusammenhängt, zur selben Kategorie rechnen" (Weizenbaum S.351).


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